Mit Zauberfußball ins Finale – endlich!

Ging es vor der EM 2008 um die Geheimfavoriten für den Titel tauchte neben den üblichen Verdächtigen auch Spanien – wie immer im Vorfeld großer internationaler Wettkämpfe – auf den Zetteln der Fußballexperten auf. Und das, obwohl sie in den Vorrunden ihre Gegner stets mit Galavorstellungen entzaubert hatten und dessen ungeachtet die Selección stets nach der ersten K.O.-Runde scheiterte. So liegt der einzige internationale Erfolg im Fußball bereits 44 Jahre zurück. 

Und so begann es natürlich auch diesmal: Sie wurden als Geheimfavoriten gehandelt, begannen ihre Bergtour mit einem 4:1 über die Russen und waren mit drei Siegen in der Vorrunde souveräner Gruppenerster. Doch diesmal kam das Aus nicht im Viertelfinale, in dem sie gegen den Weltmeister Italien antreten mussten, der sich abermals – unter größten Schwierigkeiten – in die K.O.-Phase rettete. Denn italienischer Altherrenstandfußball konnte zwar das schöne Spiel der Spanier vernichten, nicht aber den dennoch verbissenen Torzug unterbinden, um die Partie in der regulären Spielzeit für sich zu entscheiden. Obwohl dies nicht gelang, konnten die Spanier um Trainerfuchs Luis Aragonés letztendlich im Elfmeterschießen den Einzug in das Halbfinale der EM klar machen. Als sie dort wieder auf ihren ehemaligen Auftakt- sowie Aufbaugegner trafen, galten sie – zu Unrecht – als Außenseiter. Dabei straften sie der Expertenmeinungen Lügen und fegten die Russen mit ihrem berühmten Kurzpassspiel (tiqui taka) – trotz des Ausfalls ihres bis jetzigen Torschützen David Villa – vom Platz, so dass ihnen nun im Finale gegen Deutschland, das auf seiner Bergtour etliche Höhen, aber auch erschreckende Tiefen erlebte, die Favoritenrolle zufällt.

Doch worin liegt der Durchmarsch der spanischen Nationalmannschaft begründet, die seit nunmehr 21 Spielen unbesiegt ist?

Zum einen in ihrem tiqui taka, dem stets praktizierten, ja zelebrierten Kurzpassspiel, durch das sie nicht nur einen schnelleren Zug zum Tor haben, sondern auch wesentlich flexibler und variabler spielen können als beispielsweise die Portugiesen, welche im Gegensatz zu der Selecćion noch personenbezogener spielen. Sie können gar nicht „hinten drinnen stehen“, sondern müssen immer ihren Offensivfußball ausleben.

Zum anderen in der exzellenten technischen Ausbildung, vor allem der Mittelfeldakteure wie Cesc Fábregas, Xabi Alonso oder Andrés Iniesta, die mit ihren Ballfertigkeiten und Kreativideen das Spiel im Sinne modernen One-Touch-Fußballs schnell nach vorne eröffnen und den Stürmern Torchancen sprichwörtlich auf den Fuß legen, wie Fábregas‘ Lupfer für Güiza zum 2:0 gegen die Russen eindrucksvoll belegte.

Prunkstück dieser Mannschaft ist der hochwertige Kader, der nun nicht mehr nur – ausgebildet in den Jugendakademien der spanischen FC-Größen und Traditionsvereinen wie dem FC Barcelona oder Atlético Madrid – sein Können in der Primera Divición unter Beweis stellt, sondern dessen Protagonisten mittlerweile erfolgreich im Ausland respektive der englischen Premier League tätig sind. So machte Cesc Fabregas mit nur 16 Jahren von der Jugendakademie Barćas den Schritt zum FC Arsenal, bei dem er mittlerweile mit 21 Jahren längst Stammspieler und DIE Institution im Mittelfeld ist. Oder Fernando Torres, dem Zögling von Luis Aragones bei Atlético und der Nationalelf, der zur letzten Saison als absoluter Liebling der Spanier und Kapitän des spanischen Traditionsclubs den Sprung über den Ärmelkanal wagte und in seiner Premierensaison mit 33 Treffern einen Einstand gab, wie es bis dato keinem Neuankömmling in der wohl härtesten Liga der Welt gelungen ist. Und auch wenn er bisher erst ein Tor erzielte, bleibt er neben seinem Sturmkollegen David Villa einer der torgefährlichsten Stürmer bei dieser EM. Mit Xabi Alonso, Andrés Iniesta, Xavi oder Senna bietet die Selección das wohl gefährlichste und technisch versierteste Mittelfeld der teilnehmenden Mannschaften auf. Ganz abgesehen von Abwehrrecken wie Sergio Ramos oder Carlos Puyol mit exzellenten Defensivleistungen, die in den vorhergegangenen Spielen den Gegner kaum Torchancen ermöglichten.

Nun bleibt abzuwarten, wie die bisherig beste Mannschaft der EM 2008 mit der besten Turniermannschaft überhaupt, den Jungs von Joachim Löw, ihre Bergtour – um im Fachchargon zu bleiben – beenden wird, denn trotz spielerisch klarer Nachteile auf Seiten der deutschen Mannschaft bewies dieses Turnier einmal mehr, was Siegermentalität bewirken kann.

Patricia Amberger

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