Perspektive gesucht
Der Versuch des fließenden Umbruchs bei Werder Bremen ist gescheitert. Neben der Mannschaft stehen nun auch Trainer Schaaf und Manager Allofs in der Kritik / Von Peter Lohmann
Thomas Schaaf ein „granteliger Möbelpacker“ (Süddeutsche Zeitung), von Allofs nur „Einheitsbrei“ (Tagesspiegel), die Mannschaft sei nur „Mittelmaß“ (Die Welt), und der Leistungsdruck „unverändert gering“ (nochmals Tagesspiegel). Der Blätterwald sparte nicht an Deutlichkeit bei der Analyse der momentanen Bremer Krise. Es ist keine spielerische Krise, keine Ergebnis- oder Stimmungskrise, es ist alles, eine ausgewachsene Krise, deren Ausmaß erst bei der Suche nach den Ursachen deutlich wird.
Rückblende: Die Tabellenführung zur Winterpause 2007/08 kam nach einer durchwachsenden Hinrunde überraschend zustande und war mehr der Schwäche der Konkurrenz als der Konstanz Werders geschuldet. Von der Herbstmeisterschaft ließen sich Spieler und Verantwortliche blenden in der Hoffnung, dass der Erfolg alle Probleme beseitigen würde. Nach unglücklichen Auftaktniederlagen im Pokal und der Liga wurde diese Hoffnung enttäuscht und Werder bis zum 26. Spieltag bis auf den fünften Rang durchgereicht. Zwar fing sich die Mannschaft und sicherte sich im Schlussspurt noch den zweiten Tabellenplatz, doch Narben blieben. Das Vertrauen der Fans in den Kader hat tiefe Kratzer erhalten und die Stimmung in der Mannschaft soll einfach „schlecht“ sein, wie Per Mertesacker noch im Herbst bekannte.
Die Personalpolitik in dieser Phase ist umstritten, so wurden die Verträge mit Vranjes und Pasanen, beides verlässliche Ergänzungsspieler, die jedoch keinen Druck auf die Stammspieler ausüben, verlängert. Weitaus kostspieliger waren die Vertragsverlängerungen mit Fritz, Naldo und die Verpflichtung von Meust Özil, der den zu den Bayern abwandernden Borowski ersetzen sollte, aber mit 21 Jahren noch erheblichen Leistungsschwankungen unterliegt. Im Sommer sollte der um Wome, Owomoyela und Klasnic ausgedünnte Kader nicht verstärkt, sondern nur ergänzt werden, um den großen Umbruch vorzubereiten. Letztlich wurde der Umbruch aufgeschoben, da Talente wie Boenisch, Hunt, Niemeyer, Prödl oder Harnik mit Verletzungen zu kämpfen haben und in ihrer Entwicklung stagnieren. Die Notwendigkeit des Umbruch wurde im vergangenen Herbst deutlich, als die Krise ihren Lauf nahm.
Diegos Leistungen können seine Extravaganzen (Olympia, Verspätungen, Würgen, die Sängerin aus Delmenhorst, Alkohol am Steuer) nicht mehr rechtfertigen. Darüber hinaus scheint ihm die Teamgeist und die Fähigkeit zu Selbstkritik ebenso abhanden gekommen zu sein wie Torsten Frings, dessen Versuche seinen Status als Leitwolf im Klub und bei der Nationalmannschaft medial zu verteidigen, ihn in Öffentlichkeit und Mannschaft viele Sympathien gekostet hat.
Andere Führungsspieler konnten das Ruder nicht herumreißen: Kapitän Frank Baumann beschäftigt sich im neuen Jahr vornehmlich mit dem nahenden Karriereende. Daniel Jensen kämpft wie immer gegen Verletzungen an, Mertesacker und Naldo sind mit der Organisation der wackeligen Abwehr voll ausgelastet, Fritz steckt seit der EM mit einem katastrophalen Formtief und Claudio Pizarro trifft zwar, ist aber nur ausgeliehen und fällt auch nicht als Musterprofi auf (Ärger mit dem peruanischem Verband, Tätlichkeit in Karlsruhe). Der einzige, der in Werders Krise Konstanz beweist und sich öfter auszeichnen darf ist Tim Wiese, der es so in den engeren Kreis der Nationalmannschaft gebracht hat.
In der Winterpause wurde die Chance für Nachbesserungen am Kader, insbesondere im Sturm und auf der linken Abwehrseite, nicht genutzt. Ist kein Geld da, haben die Scouts versagt, oder wird der große Umbruch im Sommer vorbereitet? Eines ist klar, Thomas Schaaf und Klaus Allofs müssen bald wieder eine überzeugende Perspektive für Werder anbieten. Sonst erreicht der Sturm aus dem Blätterwald bald auch den Weserstrand.
