Eisenhans, nimm Dir den Tiedje!
Als Hans Meyer seinen Siegeszug durch die deutschen Bundesligen antrat, war er schnell als sympathisches Original ausgemacht. Viele erkannten, wie unorthodox da einer parlierte, wenn die zumeist immer gleichen, dämlichen Journalistenfragen gestellt wurden. Bei einigen dauerte es zwar etwas länger, bis sie erkannten, dass sich Meyer das Fußballgeschäft mit seiner ihm eigenen Ironie erträglicher machte, aber irgendwann wussten alle: Der dicke Ossi ist echt witzig! Und wie er die eitlen Journalisten runterputzte, war für viele Genuss - so ein wenig die Rache des kleinen Mannes, der seinen Medien-Robin Hood gefunden hatte, der die dämlichen Reporter mal so richtig peinlich aussehen lassen konnte.
Hans Meyer genoss diese Rolle zunehmend, auch wenn der Kleinkrieg vor allem mit der Bild-Zeitung sicherlich nicht nur ein Freudenfest für ihn war. Aber er war ja auf der "guten Seite", er durchschaute doch, wie realitätsverdrehend seine Widersacher zugunsten einer guten Schlagzeile arbeiteten, wie unehrenhaft und verlogen dieses Geschäft doch war!
Mittlerweile ist Hans Meyer kein Robin Hood mehr, sondern ein Ritter von trauriger Gestalt, denn er ist dabei, sich selbst zu entzaubern. Alles, was ihm doch immer so fremd gewesen schien, die Eitelkeit der Medienmacher, ihre hanebüchenen Verdichtungen zugunsten einer polarisierenden Headline - all das hat Hans Meyer längst selbst in sein Repertoire übernommen.
Wenn man die Meyer'schen Aussagen dieser Zeit sieht, dann merkt man, dass dort einer über die Medienhofierung der letzten Jahre selbst die Bodenhaftung verloren hat, die er bei seinen eigenen Spielern aufs äußerste verteufelt. Seine Scharmützel mit der Boulevardpresse haben schon bei seiner ersten Zeit in Mönchengladbach für eine nicht immer positive Ablenkung vom sportlichen Geschehen gesorgt, diesmal - in seiner zweiten Ära bei der Borussia - sind sie Gift für die am Tabellenende stehende Mannschaft.
Man macht es sich zu leicht, wenn man die Konflikte um die Nominierung des Ausnahmespielers Marko Marin allein zu einem medialen Sturm im Wasserglas macht: Zu oft hat Meyer seinen einzigen Star öffentlich zurecht gewiesen, immer wieder dessen Schwächen in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt. Es muss im urdeutschen Naturell liegen, dass ein 19jähriger per se eigentlich kein Star sein kann, er erst auf mindestens eine Dekade des erfolgreichen und vor allem fleissigen Schaffens und Mannschaftskoffer-Tragens zurückblicken muss, um nur in die Nähe einer solchen Etikette zu rücken. Und es stimmt, viel erreicht an sportlichen Meriten hat Marko Marin noch nicht. Seine überragenden Anlagen jedoch stehen außer Frage - und wer sieht, wie dieser sympathisch-schüchterne Junge mit dem durch seinen erfahrenen Trainer unnötig zum Medienthema gemachten Konflikt umgeht, erkennt auch, dass dort eine Persönlichkeit vorhanden ist, die nicht in der Gefahr steht, abzuheben, sondern, im Gegenteil, wesentlich souveräner damit umzugehen weiß, als sein an Lebensjahren doch so viel weiterer Coach. Diesem gehörten die Lacher, als er Marko Marin nach seinem Amtsantritt kauzig-unbelehrbar Markus nannte. Der fand Zustimmung unter einigen Rentner-Kiebitzen am Trainingsgelände, als er sich sicher war, dass kein Verein so dumm sein könne, für einen solche unfertigen Spieler mit Millionen um sich zu werfen. Am Ende wirkt Meyer bei all seinem Austeilen aber wie ein alternder Starrkopf, der neben sich keinem anderen das öffentliche Interesse gönnt, das ihm selbst doch nur vordergründig so suspekt ist.
Hans Meyer wäre zu wünschen, dass er sein Auftreten in der Öffentlichkeit besser reflektiert. Sicherlich macht es ihn fuchsteufelswild, wenn fußballahnungslose Boulevardjournalisten seine Nominierungen in Frage stellen und beispielsweise nicht erkennen, mit welchem Defensivrisiko das Spiel eines Marko Marin verbunden ist und es gute Gründe gibt, ihn auch einmal nicht in die Startformation zu stellen. Aber Meyer weiß am besten, dass es in dieser Auseinandersetzung nicht um fachliche Argumente geht, sondern um die Wirkung in der Öffentlichkeit! So wie er sich der Instrumentarien dazu bedient und Journalisten mit einer zynischen Bemerkung in Gönnerpose öffentlich abkanzelt, setzen diese ihre Waffen ein - darüber darf sich ein Hans Meyer als Allerletzter beschweren.
Wollte er sich und seinem Verein etwas gutes tun, würde er seine Strategie wechseln und ein anderes Auftreten wählen. Wahrscheinlich bedarf es dazu der Hilfe von außen. Man befürchtet bei Gladbacher Trainer eine gewisse Beratungsresistenz, so dass nur ein ähnliches Schwergewicht wie er selbst zum Archetypen Hans Meyer Zugang finden dürfte, um als hilfreich anerkannt zu werden. Spontan würde da Ex-Bildchef "Rambo" Tiedje einfallen, der dem selbsterklärten Rosenzüchter etwas von seiner Attitüde des permanent Missverstandenen nehmen könnte und erfahren genug sein dürfte, dem Boulevard etwas entgegen zu setzen. Eine wirklich durchdachte Medienstrategie könnte helfen, aus Hans Meyer wieder das in der Wahrnehmung zu machen, was er nämlich wirklich ist, wenn man die ganzen medialen Irrlichter weglässt: Ein verdammt guter Trainer.
